Judentum.Net

Judentum und Israel
haGalil onLine - http://www.hagalil.com
     

hagalil.com

Search haGalil

Veranstaltungskalender

Newsletter abonnieren
e-Postkarten
Bücher / Morascha
 
What do they tell about us - Was sagen sie über uns ?

In den englischsprachigen Ländern gibt es im Bereich der "Ethnic Studies" seit einigen Jahren Diskussionen zur Fragestellung: "What do they tell about us"? Gemeint ist damit, was Angehörige der Mehrheitskultur ("they") über Minderheiten ("us") sprechen: Was wird wie erzählt, was wird verschwiegen, verdrängt und ausgeblendet. Welche Bilder und Stereotypen über Minderheiten werden weitergegeben? Welche Machtverhältnisse spiegeln sich in den Darstellungsweisen? In Deutschland ist diese Debatte über ihre Anfänge noch nicht hinausgekommen (Bilder von Schwarzen). HaGalil online wird dieser Fragestellung in einer Serie nachgehen, wobei es naheliegenderweise um die Darstellung von Juden, jüdischem Leben und jüdischen Traditionen gehen wird. Angehörige anderer Minderheitsgruppen können sich gerne an diesem Diskurs beteiligen und uns Beiträge schicken.

Teil 2: Im botanischen Garten bei den "Pflanzen der Bibel"

Das Jahr 2003 haben die beiden großen Kirchen zum "Jahr der Bibel" erklärt und unterschiedliche Aktivitäten initiiert. Dabei wurde weitgehend "vergessen", daß - was aus christlicher Sicht der erste Teil der Bibel ist - dort "Altes Testament" genannt - in der jüdischen Tradition verwurzelt ist und dort eine andere Auslegung und Entwicklung hat als im Christentum. Nur in Sachsen-Anhalt gab es mit dem dortigen Landesrabbiner eine Kontroverse, weil dieser nicht hinnehmen wollte, daß Juden sozusagen aus ihrer eigenen Tradition ausgesperrt und unsichtbar gemacht werden und öffentlich so getan wird, als ob das Deutungsmonopol über die Inhalte des Tenach ("ersten Testaments") bei den Christen liegt.

Um so erfreulicher ist es, daß der Botanische Garten in Berlin in Zusammenarbeit mit dem ökumenischen Frauenzentrum Evas Arche eine Reihe zu "Pflanzen der Bibel" anbietet. Bei dem vierten Rundgang am 26. Juli 2003 lautete der Ausschreibungstext:

"Duft - der göttliche Odem. Vortrag und Spaziergang mit Wohlgerüchen
Wohlriechende Düfte von biblischen Ölen, wie Myrte, Ladanum, Myrrhe, Aloe und Zimmet einzuatmen, bedeutet ein Sinnenerlebnis besonderer Art. Düfte können belebend oder beruhigend, süß oder herb sein. Um Atem und Odem geht es in alten Geschichten. Es heißt, dem Menschen wurde das Leben eingehaucht durch den Odem Gottes. Der Atem, der Odem, der Duft ist, der uns und unseren Geist beflügelt"

Die Referentin, Rosemarie Gebauer ist Diplombiologin und beschäftigt sich seit 9 Jahren mit Pflanzen der Bibel und anderen Themen zur Kulturgeschichte der Pflanzen und bietet diese im Rahmen der "Pflanzenkultouren"-Führungen an.

Ausgangspunkt war eine Alltagserfahrung, die jedem bekannt ist: Man riecht einen Duft und wird dadurch an eine vergangene Situation erinnert. Dafür ist das Duftgedächtnis verantwortlich. Ein Text von Ulrich Rückert (1788-1866) kommt zu dem Fazit, daß die "Pflanze sich selbst quasi abschafft". Wir hören von der biblischen Schöpfungsgeschichte und werden ausführlicher auf die Parallele in der griechischen Mythologie (Prometheus und Athene) sowie in der nordischen Mythologie (Edda) hingewiesen.

Danach gibt es dann Textzitate von Stephan George und Friedrich G. Klopstock. Wer erwartet hatte, daß der Schwerpunkt des Rundgangs auf den biblischen Traditionen und Konzepten liegt, wurde enttäuscht. Denn die Erwähnung der "Pflanzen der Bibel" und kurze Textzitate dienten mehr als Aufhänger für alle möglichen anderen literarischen Texte.

Weiter ging es zum Aspekt "Düfte und Verführung". In den Sprüchen Salomons ist an einer Stelle die Rede von der Hure Babylon. In verschiedenen Kulturen gibt es den Brauch - und dafür gibt es auch biblische Beispiele - das Bett zu besprengen. Auch das Hohelied findet Erwähnung. Dann stellt die Referentin selbst die Frage: "Wer würde schon sagen Gott verführt?" und wollte damit das ihrer Meinung nach schwierige Verhältnis von Religionen und Erotik thematisieren. Nun genau das aber tut die biblische Tradition - zumindest nach jüdischer Auslegung. Gott wird immer wieder als Liebhaber gesehen. Erstaunlich, daß jemand, der gerade selber das Hohelied zitiert hat, das nicht weiß.

Zwischendurch konnte man an unterschiedlichen Duftproben riechen. Wir erfuhren vom heiligen Salböl, daß Räucheropfer gebracht wurden, damit Gott Gebete erhört, daß Priester und die Stiftshütte gesalbt wurden und auch Jesus bevor er ins Grab gelegt wurde mit Leintüchern mit Düften umhüllt wurde. Auf Josef und seine Brüder von Thomas Mann wurde verwiesen, denn als Josef an die Ismaeliten verkauft wurde, führten diese Händler unterschiedliche Produkte mit sich - darunter auch Duftstoffe. Hier hätte es - bei entsprechender Vertiefung - interessant werden können, denn diese Produkte sind symbolisch für die Unterschiedlichkeit kultureller und religiöser Konzepte der Ismaeliten.

Kreuz und quer ging es durch biblische und mehr noch durch andere Kulturen. Vieles wurde kurz erwähnt und manchmal zitiert aber nichts vertieft, ob es nun darum ging, daß Paulus vom "Wohlgeruch des Evangeliums" sprach oder im nächsten Satz die Ägypter dran waren, bei denen die Götter die Quelle des Wohlgeruchs waren und der Weihrauch aus dem Auge der Osiris kommend gesehen wurde. Im Anschluß daran wurde auf den Taufritus der Christen verwiesen, denn in einigen christlichen Gemeinschaften ist dieser mit einer Salbung verbunden und in manchen Kirchen wird die Salbung neu entdeckt.

Weiter ging es zu Jesus Sirach, eine apokryphe Schrift, die einhundert Jahre vor unserer Zeitrechnung entstand und die Rose von Jericho erwähnt, von der es auch ein Bild in der Gemäldegalerie von Botticelli gibt. Von einer hundert blättrigen Rose, die über das osmanische Reich im 16. Jahrhundert nach Europa gekommen war, hörten wir dann auch noch. Und irgendwie landeten wir beim Garten Salomons und bei Dantes göttlicher Komödie.

Zum Schluß kamen wir bei der Myrte an. Richtig ist, daß der Duft dieser Pflanze mit dem Schabbatausgang verbunden wird - so die jüdischen Gelehrten im 1. Jahrhundert. Der Duft der Myrte "trug die Juden über die Werktage", denn "der Schabbat war das Paradies. Die Werktage waren die Hölle" - eine Schlußfolgerung die der jüdischen Tradition fremd ist, betont sie doch, daß beides zusammengehört und wie wichtig die klare Trennung ist. Und auch wenn der Schabbat uns etwas von der zukünftigen Welt zeigt, so sind die Wochentage nicht "Hölle", sondern sie sind uns als Möglichkeit gegeben, unseren Beitrag zur Gestaltung der Welt zu leisten. Verabschiedet wurden wir schließlich mit der falschen Behauptung: "Myrte und Rose waren die wichtigsten Düfte der Juden damals wie heute".

Fazit: Von jedem ein Häppchen, aber nichts richtig und was man über biblische Traditionen soweit sie das Judentum betreffen, erfahren hat, war dürftig und großenteils durch Fehlwahrnehmungen der Referentin geprägt.

"Die sieben Pflanzen Israels"

war der Titel der Folgeveranstaltung, die vierzehn Tage später wieder als Kooperation des Botanischen Gartens Berlin und des ökumenischen Frauenzentrums Evas Arche stattfand.

"Sieben Pflanzen bzw. deren Früchte werden besonders häufig in der Hebräischen Bibel und im Neuen Testament erwähnt. Ihnen kommt eine große Bedeutung besonders in den Gleichnissen zu. Es sind Pflanzen, die uns heute aus dem Alltag sehr vertraut sind. Als Pflanzen der Bibel geben sie uns einen Einblick auf den damaligen Speiseplan über Anbau und Pflege der Bäume und Felder sowie deren symbolische Bedeutung."

Bei den "sieben Arten" handelt es sich um die Pflanzen bzw. deren Früchte, die im Zusammenhang mit der Verheißung des Landes genannt werden und deshalb einen besonderen Stellenwert haben:
"Der Ewige, dein Gott bringt dich in ein gutes Land, ... in ein Land des Weizens und der Gerste, des Weins und der Feige und Granate, in ein Land der Ölbeere und des Honigs" (5 Mose 8,8), ist die biblische Textgrundlage.

Die sieben Pflanzen - so erfahren wir - kommen im ganzen Mittelmeerraum vor, bei den Römern, bei den Ägyptern und eben auch bei den Israeliten. "Da gibt es keinen Unterschied". In der Tatsache, daß diese sieben Arten in allen diesen Kulturkreisen bekannt sind, wohl nicht, aber wie sie in den jeweiligen Welt- und Gottesbildern interpretiert werden sehr wohl. Wir erfahren nichts darüber, daß in der jüdischen Tradition die sieben Arten und wie sie gedeutet werden, diese als spezifische Repräsentanten des Monotheismus gesehen werden und Israel sich damit inhaltlich sehr wohl von den Umgebungskulturen unterscheidet.

Im Judentum spielt die mündliche Tradition eine bedeutende Rolle, mit deren Hilfe die schriftliche Tradition (Torah) interpretiert wird. Ohne diese mündliche Tradition (Talmud) ist ein Verständnis der schriftlichen nicht möglich. Im Talmud behandeln ganze Traktate den Umgang mit Pflanzen, ihre Bedeutung, Anbau, Pflege, Heilwirkungen etc. Daß es eine solche mündliche Tradition gibt, war in beiden Veranstaltungen nicht einmal eine Erwähnung wert und das, obwohl der Titel und die Beschreibung nahelegen, daß das Verständnis der jüdischen Tradition erschlossen werden soll.

Rosemarie Gebauer weist darauf hin, wie wichtig es für die Entwicklung dieser sieben Arten sei, daß zwischen dem "Passafest und dem Wochenfest, das sieben Wochen später stattfindet die Winde aus der richtigen Richtung kommen". "Am Wochenfest wurden dann die Erstlinge im Tempel dargebracht". Eine Teilnehmerin kann mit dem Begriff "Wochenfest" nichts anfangen und fragt nach, was damit gemeint ist und was da gefeiert wird. Das weiß die Referentin auch nicht, nur "daß es ganz wichtig ist" und "um Ostern herum stattfindet".

Die sieben Pflanzen Israels repräsentieren "die Gratwanderung des Volkes Israels". Abgesehen davon, daß das falsch ist, stellt sich die Frage, was damit gemeint sein könnte. Erklärt wird es nicht, aber vielleicht wird es deutlicher, wenn die einzelnen Pflanzen dran sind? Jetzt werden wir darauf hingewiesen, daß im Psalm 104 vier von diesen Früchten genannt werden, die innerhalb der sieben Arten noch einmal einen besonderen Stellenwert haben, weil "sie in jeder Messe auf dem Altar und auch beim Schabbat auf dem Tisch stehen". Erwähnt sind im Psalm 104 (Vers 15ff) Brot, Wein, Öl und Zeder, wobei letztere weder zu den sieben Arten gehört noch einen Bezug zum Schabbat hat.

Der Ölbaum kommt über 150 Mal in der Bibel vor. Aus diesem häufigen Vorkommen lassen sich 8 Kapitel zusammenstellen wie "Alltag und Kulturgeschichte". Die sieben anderen möglichen Kapitel erfahren wir nicht, aber wir begeben uns mit Abraham - er heißt wie der Stammvater der drei monotheistischen Religionen - auf eine Zeitreise zu seinem Alltag als Olivenbauer. Aus biblischen Zitaten läßt sich der Tageslauf eines Olivenbauers beschreiben und auch die jahreszeitlichen Abläufe des Olivenanbaus, von denen es an die 40 Sorten gibt. Sogar Probleme mit Schädlingen werden benannt wie beim Propheten Amos.

Bilder von der "Rückkehr der Taube" (Noah), "den 10 klugen und den 10 törichten Jungfrauen" (Neues Testament) und die Abbildung einer Öllampe aus biblischen Zeiten werden gezeigt. Das Bild, das Paulus im Römerbrief (Kapitel 9 bis 11) vom Ölbaum verwendet, wird erwähnt.

Paulus vergleicht dabei die Christen mit Ölzweigen, die einem alten Ölbaum (gemeint ist Israel) eingepropft werden. Aber über diese Erwähnung geht es nicht hinaus. Gerade der Ölbaum könnte als Grundlage dienen, um deutlich zu machen, welche theologischen Konzepte mit Pflanzen verbunden sind und welche große Bedeutung von daher den Pflanzen in der Bibel zukommt. Was sagen sie über die vordergründig wörtliche Bedeutung hinaus zum Verhältnis von Gott und Menschen oder von Menschen untereinander oder auch über den Umgang vom Menschen mit der Natur usw.

Gerade das Beispiel von den Ölzweigen im Römerbrief zeigt, wie weitreichend die Theologie war, die aus diesem Pflanzenbeispiel abgeleitet wurde, nämlich die heute noch in vielen christlichen Kreisen gängige Terminologie von Gesetz (gemeint ist Judentum) und Gnade (Christentum), wobei das Judentum die dunkle Folie bildet, von dem das Christentum sich dann umso strahlender abhebt. In einer Lutherbibel aus dem Jahr 1932 ist vor dem 10. Kapitel als Überschrift eingefügt: "die Juden haben ihre eigene Gerechtigkeit gesucht und darum die Gerechtigkeit aus dem Glauben nicht gefunden". Christlicher Antijudaismus hat sich über Jahrhunderte immer wieder auf diese Kapitel aus dem Römerbrief bezogen und daraus eine "Enterbungstheologie" konstruiert, für die der Gegensatz zwischen "Altem Bund" (Israel) und "Neuem Bund" (Christentum) von entscheidender Bedeutung war. Der alte Bund wurde - nach dieser Sicht - vom neuen Bund abgelöst.

Immer wenn es interessant werden könnte im Hinblick auf die Ideen und Konzepte, die hinter den Bäumen, Früchten und Pflanzen der Bibel stehen, geht es schon weiter zur nächsten Erwähnung. Überhaupt ist alles immer nur eine Erwähnung wert Wir hüpfen so quasi von einer Erwähnung zur nächsten.

Von den Ölzweigen im Römerbrief geht es zum Öl in der Menora (Leuchter im Tempel) und zur Funktion des Öls als Salböls für Priester. Im nächsten Satz sind wir im Buch Ruth, denn Noemi hat ihre Schwiegertochter Ruth bevor sie zu Boas ging aufgefordert, sich zu baden und salben. Wir hüpfen zurück in den Tempel zu dem Hinweis, daß eine Hebe für Priester und Leviten zu entrichten war.

Das Thema Wein wird eingeleitet mit einem Bild von "Jesus in der Kelter" und einem Text aus Jesus Sirach, einem apokryphen Text aus dem ersten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Jesus Sirach vergleicht damit die Qualität des Weines mit der Qualität eines Freundes: Je länger man einen Freund hat, desto mehr schätzt man ihn. Schließlich kommen wir auch noch zu biblischen Bezügen, nämlich den Segen von Jakob für seinen Sohn Juda: "Sein Füllen knüpft er an den Weinstock und an die Rebe seiner Eselstute Junges, er wäscht im Wein sein Kleid, im Blut der Trauben sein Gewand. Die Augen dunkler als Wein, die Zähne weißer als Milch". Darauf folgt das Weinbergslied des Propheten Jesaja, in dem geschildert wird, wie ein Weinberg angelegt und gepflegt wird und das Volk Israel mit einem Weinberg verglichen wird.

Bei Israel Löw, der in den 30iger Jahren ein vierbändiges Werk zu Pflanzen der Bibel veröffentlicht hat, findet sich die Geschichte von einem Fuchs, der in einen Weinberg eindringen will. Er findet nur ein kleines Loch im Zaun und muß drei Tage fasten, damit er durch das Loch schlüpfen kann. Er frißt sich mit Trauben voll und ist dann zu dick um wieder durch das Loch zurückzuschlüpfen. Wieder muß er drei Tage fasten bis es klappt. Daraus zieht er den Schluß, den er den Weinberg mitteilt: "von dir hat man nichts". Es sei wie mit dem Leben: Man kommt ohne etwas auf die Welt und muß sie wieder ohne alles verlassen.

Nun wird die "soziale Komponente" des Weins erläutert: Für die Leviten, die Armen und Waisen wird ein bestimmter Anteil abgegeben. Nachlese darf im Weinberg nicht gehalten werden. Die Kundschafter mußten den Wein wegen seiner Größe mit Hilfe einer Stange transportieren. Und die Hochzeit zu Kana (Neues Testament) zeigt, welche Bedeutung Wein bei sozialen Ereignissen hat. Zuviel sollte man allerdings nicht zu sich nehmen. Die Bibel warnt vor Trunkenheit und stellt uns Noah aber auch Lot als warnendes Beispiel vor (Sodom und Gomorra). Allerdings steht es im biblischen Bericht anders herum: Sodom und Gomorra werden vernichtet. Um Nachkommenschaft zu haben, versetzen die Töchter Lots ihren Vater in Trunkenheit. Später als wir eine Weinpflanze sehen werden, wird noch auf die wesentliche Funktion des Weins für das Abendmahl hingewiesen und daß es beim Schabbat einen Kiddusch (Segen über den Wein) gibt. Die für das soziale Leben eminent wichtige Komponente, daß Wein koscher sein muß, kam überhaupt nicht vor.

Mit der Erschließung der Feige läuft es dann auch nicht besser. Sie gehört zu den Anfängen der Bibel, zu Adam und Eva im Garten. Davon gibt es viele Darstellungen in der bildenden Kunst wie ein Gemälde von Dürer. Wir sehen mehrere Darstellungen. Vor dem 16. Jahrhundert bedecken Adam und Eva ihre Blöße mit anderen Blättern denn bis zu diesem Zeitpunkt wußte man in der europäischen Kunst nicht, wie Feigenblätter aussehen. Diese sind so quasi die "erste Ökokleidung".


Photo: Marion Keunecke, Berlin

In biblischen Texten ist von Feigen in ihren unterschiedlichen Stadien (Frühfeigen - Jesaja) die Rede. Johannes vergleicht in der Apokalypse das Herunterfallen der Sterne des Himmels mit Feigen die auf die Erde fallen und der Evangelist Matthäus erzählt von Feigen und Disteln. Der Prophet Micha verwendet Wein und Feige als Friedenssymbol. Leider erfahren wir nichts darüber, welch hohen Stellenwert die Feige in der jüdischen Tradition als Symbol für Weisheit und Lernen hat. "Die Feige wird in der Bibel positiv und negativ geschildert, der Ölbaum immer positiv". Das mag für die christliche Tradition gelten, denn im Neuen Testament kommt der Feigenbaum in Gleichniserzählungen vor. Da er in der erwarteten Zeit keine Frucht trägt, wird er umgehauen und ins Feuer geworfen. In der jüdischen Tradition gibt es eine solche Erzähltradition nicht. Es kann sie auch nicht geben, weil der Mensch immer eine Chance zur Umkehr hat. Weil darüber aber nicht gesprochen wird, entsteht bei den Zuhörern eine Gleichsetzung von jüdischer und christlicher Tradition, obwohl der Feigenbaum im Judentum nur positiv besetzt wird.

Auch über den Weizen gibt es zahlreiche Gleichnisse im Neuen Testament, wenn von Saat und Acker die Rede ist. Mehrmals wird betont: "Jesus war botanisch gesehen total korrekt". Auch im Buch Ruth spielt Weizen eine zentrale Rolle, geht es doch um die Zeit der Weizenernte. Ruth war Ausländerin und suchte mit ihrer Schwiegermutter ein besseres Leben "in Betlehem, was Stadt des Brotes heißt". Ist zwar nicht ganz richtig, aber auch nicht ganz falsch, was man über die meisten Bezüge, die in diesem Rundgang zu jüdischer Tradition hergestellt werden, sagen kann. So geht es auch gleich damit weiter, daß der beliebte Hochzeitsspruch "wo du hin gehst, da gehe auch ich hin" aus diesem biblischen Buch stammt. Und nicht nur Boas habe auf der Tenne geworfelt, sondern auch Jesus. Durch die Heirat mit Boas kommt Ruth in den Stammbaum des Messias.

Ob das Manna nicht auch zu den sieben Pflanzen Israels gehört, will eine Teilnehmerin wissen. Nein, das Manna sei das Sekret einer Laus, die auf Tamariskenbäumen lebt. Da aber "Jesus als Brot des Himmels bezeichnet wird und Manna auch als Brot des Himmels bezeichnet wird, gehört es schon irgendwie auch dazu" erfahren die Zuhörer.

Die Gedankensprünge von Boas zu Jesus und zum Manna unterstellen eine Gleichsetzung christlicher und jüdischer Tradition, die nicht existiert und die keiner der beiden Traditionen gerecht wird.

Dann werden einige Kostproben gereicht: Oliven, Wein, Feigen, Granatapfelsirup und Mazzen, "die aus Weizen und Wasser und ohne Hefe sind". Was es damit auf sich hat und wo die Mazzen im Judentum ihren "Sitz im Leben haben" erfährt man nicht.

Nun haben wir Gelegenheit einen Feigenstrauch zu sehen und eine durchgeschnittene Feigenfrucht im Anfangsstadium. Dann geht es weiter zum

Granatapfel, dessen Kelch orange ist und nicht grün. Er spielt in allen Kulturen des Orients eine Rolle. Er sieht aus wie ein Apfel mit Krone - erinnert also an den Reichsapfel. In ihm sind viele Früchte. Sie werden mit Maria und ihren zahlreichen Tugenden verglichen.

In der Bibel kommt der Granatapfel "nur im Alten Testament vor" nicht im Neuen - und zwar bei der Beschreibung der Kleidung des ersten Priesters Aaron - und wenn es um den Bau des Tempels geht. Zum Granatapfel gäbe es sechs Stellen in der Bibel - da wurden wohl nur die im Hohenlied gezählt.

Viel Zeit bleibt uns jetzt nicht mehr für die Dattelpalme, denn in Kürze wird der botanische Garten geschlossen, und wir hören bereits die Klingel, die darauf hinweist. Eigentlich ist die Dattel die Pflanze des Koran.


Photo: Marion Keunecke, Berlin

In der Bibel kommen Palmen in der Wüste vor. Als die Israeliten bei Elim rasteten (2 Mose 25), sahen sie 70 Dattelpalmen. Aber nicht nur da - möchte man hinzufügen. Palmen werden im Tal von Jericho erwähnt und auch auf Bergen, wobei die mündliche Tradition darauf hinweist, daß die Qualität der Früchte von Palmen, die auf Bergen wachsen, schlechter sei. Deswegen dürfen sie auch nicht für die Darbringung der Erstlinge verwendet werden. Aber die reiche mündliche Tradition des Judentums zu den Pflanzen der Bibel war ein Stiefkind dieser Führung.

Wir hörten vom Einzug von Jesus in Jerusalem, der durch Palmwedel geehrt wurde, die vor ihm ausgebreitet wurden. In der bildenden Kunst findet man immer wieder Heilige, die mit einem Palmwedel dargestellt sind, womit gezeigt wird, daß es sich um Märtyrer handelt.

Aber zumindest wurde die Stelle im Psalm 92 vom Gerechten, der wie ein Palmbaum ist, erwähnt, daß Deborah unter einer Palme richtete und auch noch der Lulaw, der Feststrauß zum Laubhüttenfest. Würde ihn allerdings so zusammenstellen wie Rosemarie Gebauer ihn schilderte, so wäre er nicht vollständig und damit nicht verwendbar.

Fazit: Dadurch, daß so viel und so Unterschiedliches erwähnt wurde, mag der Eindruck entstehen, man habe viel gelernt. Allerdings: Quantität vermag Qualität nicht zu ersetzen und an der Substanz mangelte es erheblich. Wer damit zufrieden ist, zu den Pflanzen der Bibel entsprechende Bibelstellen und Abbildungen vorgestellt zu bekommen und das lieber im Botanischen Garten tut als drinnen, mag damit zufrieden sein. Wer etwas über "Pflanzen der Bibel" erfahren will, was über Erwähnungen und Andeutungen hinausgeht, ist hier falsch.

Iris Noah

What do they say about us?

Teil 1: "gehen & sehen" ein Stadtrundgang
Teil 3:
Judensonntag - Tag der Judenmission - Israelsonntag
Teil 4:
Israelsonntag: Jesus weint über Jerusalem
Teil 5: Im Kino - Rosenstrasse

Teil 6: Black Atlantic -  Schwarze in Deutschland

Zum Weiterlesen:
Warum wird das Judentum so oft missverstanden?
Anne-Frank-Zentrum Berlin:
Jüdisches Leben in Berlin: - nur eine Assoziationslandschaft?

hagalil.com 31-07-03


Spenden Sie mit PayPal - schnell, kostenlos und sicher!
 
haGalil.com ist kostenlos! Trotzdem: haGalil kostet Geld!

Die bei haGalil onLine und den angeschlossenen Domains veröffentlichten Texte spiegeln Meinungen und Kenntnisstand der jeweiligen Autoren.
Sie geben nicht unbedingt die Meinung der Herausgeber bzw. der Gesamtredaktion wieder.
haGalil onLine

[Impressum]
Kontakt: hagalil@hagalil.com
haGalil - Postfach 900504 - D-81505 München

1995-2013 © haGalil onLine® bzw. den angeg. Rechteinhabern
Munich - Tel Aviv - All Rights Reserved